Geschlechtsbezogene Arbeit mit Buben und jungen Männern

aus : NWSB

Fällanden, Schweiz,Ende November 2006
Geschlechtsbezogene Arbeit mit Buben und jungen Männern als Prävention sexueller Gewalt
Offener Brief von Fachmännern, die mit männlichen Jugendlichen arbeiten, an Regierungsmitglieder, Bildungs-, Justiz- und Gesundheitsdirektionen


Sehr geehrter Herr Bundesrat Blocher
Sehr geehrter Herr Bundesrat Couchepin
Sehr geehrte Damen und Herren der kantonalen und lokalen Behörden

Die Medien berichteten in den letzten Wochen ausgiebig über die Vergewaltigungen in Zürich-Seebach und in Steffisburg BE: Gruppen von ausländischen und eingebürgerten
männlichen Jugendlichen vergewaltigten jüngere Schweizer Mädchen.
Als Fachmänner, die sich seit Jahren mit und für Jungen in der Schule und in derJugendarbeit, speziell in der Bubenarbeit und dabei auch im Bereich der Präventionsexueller Gewalt engagieren, berührt und bewegt uns das sehr.
Diese Taten sind entsetzlich, traumatisierend und lassen uns als Mit-Männer schockiert innehalten. Wir bedauern ausserordentlich, was diesen Mädchen und den ihnen Nahestehenden angetan wurde. Wir unterstützen die Bemühungen, den Opfern den ihnen zustehenden Schutz, die notwendige Unterstützung und Begleitung, zukommen zu lassen.
Diese Mädchen und alle Mitbetroffenen sollen alle notwendige Hilfe erhalten. So wie die tatverdächtigten Jungen mit ihren Taten konfrontiert werden müssen, sich mit den massiven Grenzverletzungen auseinandersetzen sollen und geeignete Sanktionen und Massnahmen erfahren und tragen werden. Solch massive Gewalt muss deutliche Konsequenzen haben.
Im Interesse der Arbeit mit männlichen Jugendlichen möchten wir jedoch noch einen Schritt weiter gehen in der Analyse der Geschehnisse bzw. einen Schritt weiter zurück in den Bereich der Prävention bei der Diskussion der Lehren, die wir aus diesen Fällen ziehen können.
Wir gehen davon aus, dass diese Fälle in Bern und Zürich etwas mit unseren Männerbildern zu tun haben. Wenn wir nachhaltige Präventionsarbeit leisten wollen, müssen wir genau dort ansetzen. Die einfache Stigmatisierung von Tätergruppen hilft da nicht weiter. Prävention in Form geschlechtsbezogener Bubenarbeit erlaubt uns, mit einer positiven Einstellung auf männliche Jugendliche zuzugehen, mit ihnen taugliche und untaugliche Lebensmodelle zu diskutieren und mit ihnen lebensförderliche Kulturformen zu entwickeln. Nachhaltige Jungenarbeit funktioniert ressourcenorientiert. Buben und junge Männer müssen mit ihren Fragen, Wünschen, Ängsten ernst genommen werden. Das heisst für uns Erwachsene oft auch Grenzen setzen, aber an diesen Grenzen auchpräsent und verbindlich dranbleiben.
2. Das öffentliche Wahrnehmen dieser Fälle kann DIE Chance sein, damit zu beginnen und kann eine bewegende Gelegenheit bieten, als Männer mit Jugendlichen in einen offenen und klaren Kontakt zu treten. Alle sind jetzt sensibilisiert und wach – Jungen, Mädchen. Und auch alle Erwachsenen, die mit ihnen zu tun haben, inElternhaus, Schule, Verein …
Hierzu braucht es eine gesellschaftliche Entscheidung, einen breiten Auftrag für geschlechtsbezogene Präventionsarbeit.
Viele Themen warten auf uns, viele Fragen beschäftigen Jugendliche: Was ist eigentlich sexuelle Gewalt? Was ist erlaubt, was nicht? Wie begleiten wir Jungen in ihren Opfer- und Tätererfahrungen?
Wo und wie lernen Jugendliche respektvollen, lustvollen Sex kennen und zu leben? Wie können junge Männer mit ihren sexuellen Bedürfnissen und ihrer Lust umgehen? Welche Frühwarnsysteme brauchen wir, damit wir Gewalt schnell stoppen können? Wie geht man mit Gangs von frustrierten Jungen um? Wie schützen wir Opfer, wie stoppen wir Täter? Wie können wir männliche Jugendliche am Rand der Gesellschaft konfrontieren und gleichzeitig einbinden?
Wie sagen wir, was in der Schweiz gilt? Was gilt in der Schweiz?
Die schrecklichen Gewalttaten, die viel Leid und Not zur Folge haben, können wir Fachmänner mit differenzierter und nachhaltiger, geschlechtsbezogener Arbeit weder ungeschehen noch vergessen machen. Die Bubenarbeit setzt sich für ein lebendiges, vielfältiges, kraftvolles und respektvolles Junge-Sein ein. Wir wollen mit Buben und Männern an einem lustvollen und rücksichtsvollen Mannsein arbeiten. Wir glauben, damit einen wesentlichen, pro-aktiven, präventiven Beitrag gegen sexuelle Gewalt, gegen Gewalt zu leisten. Bubenarbeit ist für die Buben, unterstützt sie in ihrer Entwicklung und konfrontiert, wenn sie zu weit gehen. Wir denken, dass die Arbeit jetzt auch richtig
anfangen könnte. Es gibt für uns Fachmänner, wie für alle anderen Erwachsenen, die mit Buben und jungen Männern zu tun haben, viel zu tun. Wir sehen folgende Ansatzpunkte:
Information und Diskussionen über Sexualität und sexuelle Gewalt
Die Täter behaupten in der Regel, es wäre keine Vergewaltigung. Das Mädchen habe sich nicht genügend gewehrt oder es schlafe sowieso mit jedem. Nachdem solche Vorfälle auftauchen, finden die Täter viel Bestätigung aus ihrem Umfeld: das Mädchen sei selber schuld, es wird oft als ,,Schlampe” bezeichnet und so in eine Mitverantwortung gezogen, die es in den allermeisten Fällen nicht hat.
Zu viele Jugendliche und Eltern wissen nicht, was eine Vergewaltigung ist. Sie wissen nicht, dass ein ,,nein” vom Mädchen genügt, dass sich ein Opfer nicht körperlich wehren muss. Und sie wissen nicht, dass, wenn der Altersunterschied 3 Jahre übersteigt, jeder Geschlechtsverkehr mit unter 16-jährigen gesetzlich nicht erlaubt ist, auch wenn er offensichtlich freiwillig erfolgt ist.
Es braucht eine Informationskampagne über sexuelle Gewalt mit Tipps für Opfer und Zeugen, so dass sie schon bei Betatschen, nicht erst nach einer wiederholten Vergewaltigung Stellung nehmen und Hilfe holen.
3. Gangs auffangen
Schlecht integrierte, frustrierte junge Männer in Gruppen sind in jedem Land Zündstoff. Sie betreiben Sachbeschädigung, Raubüberfälle, Schlägereien sowie sexuelle Gewalt. Es braucht aufsuchende Jugendarbeit (Streetwork), spezielle präventive Jugendpolizeieinheiten, Schulsozialarbeit und Lehrstellen für alle, um die Bildung solcher krimineller Gruppen rechtzeitig und wirksam zu vermindern.
Mitläufer müssen lernen, dem Gruppendruck zu widerstehen und üben, bei entstehenden
Straftaten Stellung zu nehmen und nicht davon zu laufen. Alle müssen wissen, dass auch die nicht aktiven Zeugen einer Straftat angezeigt werden: mitgegangen bedeutet mitgefangen.
Pornographie entgegenwirken
Wenn Pornographie ­ inklusive grenzenloser sexueller Gewalt ­ per TV, Video, Handy und Internet leicht zugänglich ist, werden labile, frustrierte junge Männer schnell überfordert. Sie konsumieren während Hunderten von Stunden frauenfeindliche Bilder, die ihr Mitgefühl abstumpfen und ihre Fantasien prägen. Sie haben kein Bild von ,,normaler”, für beide Seiten befriedigender Sexualität. Diese Jungen brauchen eine frühe, beziehungsorientierte sexuelle Aufklärung, die in geschlechtergetrennten Gruppen auch Pornographie und sexuelle Gewalt thematisiert. Wenn Erziehende diese Themen nicht ansprechen, macht nur die Pornoindustrie Schule. So weit wie rechtlich möglich muss folglich der Zugang Jugendlicher zu (insbesondere gewalttätiger) Pornographie eingeschränkt werden.
Handeln, nicht Wegschauen
Wenn Vergewaltigungen stattfinden, sind die Täter in der Regel schon längst im Umfeld aufgefallen, oft wegen sexuell gewalttätiger und mädchenfeindlicher Handlungen.
Autoritäten (Schule, Polizei, Jugendarbeit) müssen Frühwarnsysteme einrichten, erste Zeichen ernst nehmen und konsequent handeln. Bürokratische Sachzwänge dürfen nicht verpasste Chancen rechtfertigen, präventiv zu intervenieren. Schwierig ist, dass gewalttätige Gruppierungen immer eine Überforderung vom Normalbetrieb darstellen. Jeder Bezirk oder jede Stadt muss Notressourcen schnell zur Verfügung haben, um diese Zusatzbelastung abzudecken. Dazu muss schon im Voraus ein Budget gesprochen werden ­ und nicht erst nachdem ein Vorfall publik wurde.
Integration fördern Solche Vorfälle zeigen eine Missachtung von Mädchen, aber nicht aller Mädchen. Wenn die Schwester eines dieser Täter von anderen sexuell belästigt würde, wäre er in seiner
Herkunftskultur oft familiär verpflichtet, die Schwester mit all seinen Kräften zu schützen und die Taten zu rächen. Diese Jugendlichen haben in der Regel keine echte kulturelle Identität. In der Schweiz sowie im Land der Eltern werden sie als Ausländer betrachtet. In der Gang basteln sie sich eine Identität aus Filmen und ähnlichem. Ein unbeschütztes Mädchen, das seine eigene Sexualität lebt, gilt in diesen Kreisen oft als ,,Freiwild”. Solche jungen Männer reden kaum mit ihren Eltern über Sexualität, manche stehen unter Druck, Landsfrauen zu heiraten. Ausländische Gangmitglieder sind in der Regel schlecht integriert, schwach in der Schule und haben wenig Chancen auf dem Lehrstellenmarkt.
Sie wissen zu wenig von sexuellen Normen, von geschriebenen und ungeschriebenen Gesetzen in der Schweiz.
Integrationsbemühungen sollen schwierige Themen wie sexuelle Gewalt aktiv angehen. Diese Vorfälle zu benützen, um Stimmung gegen Ausländer zu machen, fördert aber Randständigkeit und Gewalt.
Erstunterzeichnende Fachpersonen:

Ron Halbright, Pädagoge, Präsident NCBI Schweiz
Lu Decurtins, Sozialpädagoge und Supervisor, Genderexperte
Martin Bachmann, Männer- und Gewaltberater
Urban Brühwiler, Soziokultureller Animator, Gewaltberater
Andi Geu, Gewaltberater, Netzwerk Schulische Bubenarbeit, NCBI Schweiz
Beat Ramseier, dipl. Sozialarbeiter, Geschäftsleiter Netzwerk Schulische Bubenarbeit
Thomas Rhyner, Dozent Pädagogische Hochschule Rorschach
Hansjürg Sieber, Dozent Pädagogische Hochschule Bern
Erstunterzeichnende Institutionen:
Netzwerk Schulische Bubenarbeit NWSB
IG Bubenarbeit
NCBI Schweiz
Fachstelle für Männer- und Bubenarbeit, mannebüro züri
Weitere unterzeichnende Institutionen:
Contact Jugendberatung und Fachstelle vernetzte Schulsozialarbeit, Affoltern a.A.
ECHT STARK! Identität, Selbstbehauptung, Gewaltprävention, Sursee
Fach- und Beratungsstelle STOPPMännerGewalt Bern
Hau den Lukas, Beratung und Coaching für Jungs & Männer, Basel
Institut für Gewaltberatung Basel
Männer.ch, Dachverband der Schweizer Männer- und Väterorganisationen
SAMOWAR Jugendberatungsstelle für den Bezirk Horgen
SAMOWAR Jugendberatungsstelle für den Bezirk Meilen
STOPPMännerGewalt, Bern
Suchtpräventionsstelle der Stadt Zürich
Teampuls, Fachstelle für Jugendpolitik, Stäfa
Weitere unterzeichnende Fachmänner (61):
Roland Achermann, Erziehungsberater, Schulpsychologe, Schaffhausen
Olivier Andermatt, Psychologe FSP, Systemtherapeut, Uster
Werner Baumann, Sexualpädagoge HSA, Zürich
Ady Baur-Lichter, Leiter contact Affoltern a.A.
André Becchio Sozialpädagoge, Jugendarbeiter, Zumikon
Stephan Bernard, Rechtsanwalt & Mediator SAV, Vorstand mannebüro züri
Luigi Bertoli, Familientherapeut, Präventionsbeauftragter, Biel/Bienne
Matthias Bosshard, Oberstufenlehrer, Arlesheim
Martin Buchmann, Geschäftsleiter STOPPMännerGewalt Bern, Supervisor BSO
Philipp Burckhardt, Jugendarbeiter, Zürich
Leo Cadruvi , Psychologe FSP, Chur
Thomas Drengwitz, Jugendarbeit Nidau und Umgebung
Franz Eidenbenz, lic. phil.I, Fachpsychologe für Psychotherapie FSP, Affoltern a.A.
Matyas Fuszenecker, Sozialpädagoge, Berufsintegrationsprogramm für stellenlose
Jugendliche
Stefan Gasser-Kehl, Projektleiter in der Bubenarbeit, Männercoach, Theologe, Luzern
Francesco Genova, Vorstand mannebüro züri
Sapto Glückler, Primarlehrer
Toni Gurtner, Gewaltberater, Präsident STOPPMännerGewalt Bern
Markus Gygli, Vorstand männer.ch
Dominik Hächler, Gewaltberater, Muttenz
Mark Harvey, Vorstand männer.ch, Referent und Gewaltberater, Hausen a.A.

Anmerkung: Die gelb markierten “ Gewaltberater“ sind nicht durch uns zertifiziert, bzw. ausgebildet. (siehe auch: Geschichte der Gewaltberatung )

Der Brief selbst ist bemerkenswert, schildert er doch eine Initiative gegen Vorverurteilung…

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