über MGM St. Gallen
aus: Staatliche Massnahmen gegen häusliche Gewalt:
Die Situation Kanton St. Gallen – Eine Dokumentation
„Ich gehe jetzt der Gewalt aus dem Weg“
Er ist 45 Jahre alt, derzeit ohne Job, Vater von drei Kindern. Er lebt allein, ist wegen häuslicher Gewalt vor Gericht gestanden – und jetzt überzeugt davon, dass er so etwas „nie mehr tun wird“.
Heinz Meier (Name geändert) ist bereit, seine Geschichte zu erzählen. Der gelernte Schlosser sitzt mir gegenüber im Beratungszimmer der Fachstelle Männer gegen Männergewalt (MGM) in St. Gallen. Er hat alles verloren: die Frau, die Stelle, die Eigentumswohnung, den Freundeskreis, die Kollegen. Er muss ganz von vorne anfangen. Und will jetzt alles anders machen. „Wenn ich heute an einem Fest bin und sehe, dass es zu einem Konflikt kommt, dann gehe ich. Damit will ich nichts mehr zu tun haben. Nie mehr.“
Das war nicht immer so. Heinz Meier hat auf dem Bau gearbeitet. Rau war der Umgangston, da sei schon mal ein Hammer durch die Luft geflogen, sagt er, die Wortwahl war nie zimperlich. Er hat Kampfsport betrieben, ist kräftig. Und wegen häuslicher Gewalt verurteilt. Massiver häuslicher Gewalt.
Meier erinnert sich nicht mehr an alles. Doch das Datum weiss er genau: Es war der 6. Juni, ein Samstag, „da sind mir die Sicherungen durchgebrannt“. Völlig durchgebrannt seien sie. Probleme in der Familie habe es schon länger gegeben, die Beziehung war nicht mehr in Ordnung, die Frau viel fort. Und an diesem Samstag habe sie wieder erklärt, sie müsse weg, er sei für die Kinder zuständig, für das Abendessen. „Ich war frustriert, habe dann ein, zwei Flaschen Bier gekippt.“ Vielleicht auch mehr. „Dann kam sie nochmals nach Hause, wir sassen im Garten, es war ein warmer Abend, ich holte ihr einen Kaffee.“
Und dann gab ein Wort das andere. Als zwei Jugendliche vorbeigingen und irgendwie – über den Gartenzaun hinweg – zu stänkern begannen, da war sie plötzlich da, diese Wut. „Wie dann alles genau gelaufen ist, weiss ich wirklich nicht mehr. Und warum ich plötzlich die Waffe in der Hand hatte…“
Was er aus Verhören und Protokollen weiss – und nach eineinhalb Jahren Therapie auch akzeptiert hat: Heinz Meier hat seiner Frau die geladene Pistole an die Schläfe gehalten und ihr gedroht, schliesslich hat er auch geschossen. In die Luft. „Ich bin wirklich unendlich dankbar dafür, dass bei der Aktion niemand verletzt worden ist“, sagt er. Er meint es ernst. Auch wenn Meier heute nicht mehr weiss, wie und warum er die Waffe geholt hat,kann er sich doch genau daran erinnern, was danach kam: an das Sonderkommando der Polizei, an den Plastiksack, den sie ihm über den Kopf gestülpt, an die Hand- und Fussschellen – und wie sie ihn abgeführt haben. An seine unglaubliche Wut darüber, wie er behandelt worden ist. Auch wenn er heute sagt: „Es war eine Waffe im Spiel. Da mussten sie vielleicht so handeln. Aber ich denke, es wäre besser gewesen, sie hätten mit mir geredet.“
Heinz Meier hat in der Zwischenzeit viel geredet. Über seine Tat – und wies dazu gekommen ist. Über die Gewaltspirale, über die vielen gegenseitigen Abwertungen, die Selbstabwertung, die Vorwürfe und Schuldzuweisungen, über die Unfähigkeit, Gefühle zu zeigen und zu benennen, über die Gewohnheit, sich mit einem Bier zu trösten anstatt das Gespräch zu suchen. Einen Monat lang sass er nach diesem 6. Juni in Untersuchungshaft, danach kam er in eine Entzugsanstalt – und schliesslich auf Umwegen zu Matthias Koller-Filliger von der Fachstelle Männer gegen Männergewalt. „Mit einem ziemlich mulmigen Gefühl bin ich das erste Mal hierher gekommen“, sagt er. Er habe ja nicht gewusst, was auf ihn zukomme. „Doch dann merkte ich sofort, dass hier eine Vertrauensbasis vorhanden war.“ Eineinhalb Jahre lang haben die beiden Männer miteinander gearbeitet,haben Plakate gezeichnet, in Rollenspiele die Vergangenheit aufgearbeitet. Sehr persönliche Gespräche seien es gewesen, sagt Meier. Und dass fast so etwas wie eine Freund-
schaft entstanden sei. Im Nachhinein kann Heinz Meier diesem ominösen Tag im Juni sogar etwas Positives abgewinnen: Er bezeichnet ihn als Dreifachgeburt.
Was ist denn geboren an diesem 6. Juni vor zwei Jahren?
Mein persönliches Ich. Seither weiss ich, was ich im Leben machen will – und ich habe meine Lebensfreude wieder gewonnen.
Haben Sie eine Art Rettungsanker, an den Sie sich halten, wenn Sie wieder in eine ähnliche Situation kommen? Der Sie vor Gewalttätigkeit bewahrt?
Ja, ich habe einen Notfallpass. Da steht Schritt für Schritt drauf, was ich machen muss,
wenns brenzlig wird.
Was denn?
Mit Leuten reden, Hilfe holen. Zum Beispiel.
Sie sind zu dieser Beratung verknurrt worden. Hätten Sie ein solches Hilfs- und Beratungsangebot auch freiwillig in Anspruch genommen?
Da muss ich sagen, dass meine Frau und ich eigentlich schon für eine Eheberatung angemeldet waren. Dazu ist es dann nicht mehr gekommen. Wenn ich vorher gewusst hätte, wie bei MGM gearbeitet wird, wäre ich schon früher und freiwillig hergekommen. Aber ich wusste ja nicht einmal, dass es ein solches Angebot gibt.
Wie oft waren Sie bei der Fachstelle Männer gegen Männergewalt
Eineinhalb Jahre lang einmal pro Woche – mit Ausnahme der Ferien. Das sind gut 40 Beratungsstunden. Das war nicht immer einfach. Einmal bin ich sogar hinausgelaufen, weil
ich es nicht mehr ausgehalten habe. Aber ich bin dann nach einer kurzen Pause wieder
zurückgekommen.
Wer hat diese Beratung bezahlt?
In meinem Fall zum grössten Teil die Justiz, da sie es sinnvoll fand, dass ich in Beratung
gehe. Zudem habe ich selber einen wesentlichen finanziellen Beitrag geleistet.
Und die Gespräche haben Ihnen geholfen?
Ja. Ich war gezwungen hinzusehen, nicht zu verharmlosen. Ich habe gelernt, dass es nichts bringt, Sorgen mit Hilfe von Alkohol zu verdrängen. Ich habe die Verantwortung für mein Tun und Handeln übernommen. Und ich habe erkannt, dass ich selbst auch jemand bin, dass ich ein Recht darauf habe, auf meine Bedürfnisse zu achten. Und bin von daher sicher, dass so etwas nie wieder passiert.
Haben Sie mit Ihren Kindern wieder Kontakt?
Mit dem ältesten Sohn schon. Mit den anderen Kindern ist es noch schwierig. Sie können
jederzeit zu mir kommen, wenn sie wollen. Aber ich zwinge sie zu nichts. Was mir aber wichtig ist: Dass auch meine Söhne lernen, dass es andere Möglichkeiten gibt als Gewalt, um Konflikte zu lösen.
Und wie geht es Ihrer Frau?
Sie hat die Scheidung eingereicht.
Die Arbeit mit den Tätern
Männer gegen Männergewalt
Täter im Bereich häuslicher Gewalt sind nicht Monster, sondern „Männer von nebenan“. Männer wie Heinz Meier. Diese Erkenntnis hat dazu beigetragen, dass Täterarbeit heute stattfindet – und intensiviert worden ist. „Täterarbeit ist Opferschutz“, heisst es bei der Fachstelle Institut Männer gegen Männergewalt. Matthias Koller-Filliger ist einer von vier Männern, die hier beraten – alle mit Ausbildungen in Gewaltberatung, Gewaltpädagogik und Tätertherapie.
Die Atmosphäre bei MGM ist freundlich, der Ton bestimmt. Es gibt kein Ausweichen, kein Verharmlosen, kein Herunterspielen. „Es ist wichtig, die Täter mit ihrem Verhalten zu konfrontieren“, sagt Koller. Und: „Sie müssen sich dem stellen, was sie getan haben. Da ist nicht einfach ‚etwas passiert’, sondern sie selbst haben geschlagen, geprügelt, vergewaltigt. Und dafür müssen sie die Verantwortung übernehmen.“
MGM orientiert sich am Ansatz der Hamburger Gewaltspezialisten Joachim Lempert und Burkhard Oelemann: „Tätertherapie im Sinne von Gewaltberatung und Gewaltpädagogik hält dem Mann den Spiegel vor und begleitet ihn bei seinem Schock, wenn er sich erkennt. Alleine vermeidet er den Schock, in der Begleitung kann er ihm weder ausweichen noch ihn umdeuten. Durch die tätertherapeutische Begleitung wird aus dem Schock heilsames Wachstum. Wir benennen die Gewalt unmissverständlich und wir bieten gleichzeitig Unterstützung an. Wir verurteilen die Gewalt und wir schenken dem Mann unsere Aufmerksamkeit.“
Vielleicht war es diese Aufmerksamkeit, diese Bereitschaft zuzuhören, die Heinz Meier so gut getan hat. „Wir stellen in der Beratung eine grosse Verbindlichkeit fest“, sagt Matthias Koller. In den Gesprächen werden Täter dazu angeleitet, die Mechanismen zu erkennen, die zur Gewalt geführt haben, aber auch Schritte zu lernen, wie sie diese Spirale der Gewalt durchbrechen, was sie dagegen tun können. Heinz Meier war mit seinen gut 40 Stunden überdurchschnittlich lange in der Beratung. Trotzdem: Die Zahlen steigen. Im letzten Jahr wurden bei MGM 29 neue Klienten beraten, davon 2 Jungen (2001 zählte man fünf, 2002 fünfzehn, 2003 und 2004 je 17 Neuanmeldungen). Insgesamt wurden im vergangenen Jahr 169 Beratungen gezählt, dazu kamen mehr als 20 telefonische Beratungen. Seit der Eröffnung des Instituts 2001 wurden also 83 Klienten während mehr als 500 Stunden lang beraten. Bezahlt werden die Beratungen in der Regel vollumfänglich von den Tätern selbst. Es besteht keine Leistungsvereinbarung mit dem Kanton – wie zum Beispiel in Luzern.
Für Koller ist das nicht nur ein Nachteil: „Der finanzielle Aspekt gehört auch dazu, wenn es darum geht, Verantwortung zu übernehmen“, sagt er. Kann ein Täter überhaupt nicht bezahlen, sucht man Unterstützung bei Stiftungen. Die Klienten kommen zum grössten Teil über Werbung und Öffentlichkeitsarbeit, zum kleineren Teil auch via Bewährungshilfe und Fachstellen.
Heinz Meier möchte gerne dazu beitragen, dass anderen, die unter denselben Problemen leiden, ebenfalls geholfen werden kann. Er wird MGM weiterempfehlen, „auf jeden Fall“.
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