entnommen aus : weisser ring
Eindrucksvoller Vortrag im Rahmen der Ausstellung “Opfer”
Verein „Männer gegen Männergewalt“ stellt sich vor
Herr Dietrich Seifert vom Verein Männer gegen Männergewalt e.V. stellte nicht nur die Arbeit des Vereins vor, sondern veranschaulichte den Zuhörern auch das Verhalten der Täter unter anderem mit dem preisgekrönten Fernsehfilm „Das Problem ist meine Frau“.
Vor ca. 4-5 Jahren stand ein großer Artikel im Stern und auch in der Bild-Zeitung mit der Überschrift: Gewalt von Frauen ist um 50 % gestiegen. Ein Ruck ging durch die Nation. Aber wenn man genauer hingesehen hat, ist der Prozentsatz von 2,3 auf 3,5 gestiegen. Das heißt im Umkehrschluß das 96,5% der Gewalt von Männern und Jungen ausgehen. In der Kriminalstatistik sind Jungen 60 mal häufiger vertreten als Mädchen. „Gewalttätige Jugendgangs“, „Hooligans“ oder „Crash-Kids“ wie auch die „gewalttätigen Rechtsradikalen“ sind fast ausschließlich männliche Jugendliche. Die Zahl der Mädchen ist vernachlässigbar. Doppelt so viele Jungen wie Mädchen werden in Erziehungsberatungsstellen vorgestellt. Und es sind fast immer die Mütter die sie vorstellen.
Die „Auffälligen Jugendlichen“ sind also in Wirklichkeit Jungen. Leider wird über die Tatsache nicht nennenswert nachgedacht oder geforscht. Die Aufmerksamkeit der ErzieherInnen, LehrerInnen und Eltern richtet sich vor allem auf die Auffälligkeiten als solche, aber kaum auf die Orientierungslosigkeit der Jungen, die dahinter steckt. Obwohl Mädchen und Jungen in den gleichen Familien und in der gleichen Gesellschaft aufwachsen, sind sie so unterschiedlich in der Ausübung von Gewalt. Das gleiche bedeutet für Jungen und Mädchen offenbar nicht dasselbe. Woran liegt das nun?
Wir sehen die Gründe in dem gesellschaftlich vorherrschenden Männerbild und in den Besonderheiten der Sozialisation von Jungen und Männern. Ich möchte ihnen am Beispiel eines Lebenswegs vom Jungen zum Mann aufzeigen, welche geschlechtsspezifischen Besonderheiten die männliche Sozialisation hat.
Der Junge wird von seiner Mutter geboren. Und in den ersten 3 Jahren ernährt und versorgt sie ihn in der Regel mit allem, was er braucht. Vielleicht ist da noch die Tagesmutter, wenn sie selbst berufstätig ist oder eine Babysitterin paßt auf ihn auf. In diesem Lebensanfang fühlen sich die Jungen der Mutter noch sehr ähnlich und identifizieren sich mit ihr.
Aber schon im knappen Alter von 2 Jahren entwickeln Kleinkinder ihr Ich-Bewußtsein. Der Junge entdeckt seinen Penis und merkt, dass er anders ist als seine Mutter. Es kommt zum Bruch der Identifikation. Der berufstätige Vater, den er jetzt zur Orientierung braucht ist nicht da. Männer spielen ihn der Kleinkinderziehung real keine Rolle. Nur 1-2 % der Väter nehmen Erziehungsurlaub.
Die ersten drei Jahre sind um und nun geht es ab in den Kindergarten.
Hier trifft unser Junge ganz viele Erzieherinnen. Sie begleiten ihn, erziehen ihn und vermitteln ihm Wissen und Fertigkeiten. Aber Männer findet er hier in der Regel nicht. Unser Junge weiß inzwischen ziemlich genau, wie Frauen sind, wie sie reagieren, was ihnen wichtig ist und was sie mögen oder nicht mögen.
Er weiß das Mama gut aufräumen kann und gut kochen kann. Immer das was er gerne ißt. Er sieht Mama auch manchmal weinen, wenn ihr alles zuviel wird oder dass sie Kopfschmerzen hat und leidet. Der Papa aber weint nie. Er macht auch die ganz wichtigen Sachen: Er geht morgens aus dem Haus, arbeitet den ganzen Tag und verdient Geld. Der Vater ist für die Existenzsicherung der ganzen Familie zuständig. Abends, wenn er nach hause kommt ist er meistens müde und braucht seine Ruhe. Er liegt auf der Couch oder sitzt im Sessel und liest Zeitung. Will unser Junge den Kontakt zu seinem Vater und seine Aufmerksamkeit erregen, so muss er schon sehr massiv werden. Er muss am besten die Zeitung anzünden.
Die Kindergartenzeit ist vorbei. Jetzt beginnt der ernst des Lebens. Die Schule
In der Grundschule trifft er wieder nur auf Frauen als Lehrerinnen. Mit viel Glück gibt es zwei Ausnahmen. Wissen sie welche? Der Rektor und der Hausmeister. Also in wichtigen und entscheidenden Funktionen. Sie haben die Macht gegenüber den Frauen und sind strafend und regulierend eingreifend. So möchte unser Junge auch mal werden. Er weiß nur nicht wie. Die allermeisten Jungen haben also in den ersten 10 Jahren nur wenig Beziehungen zu Männern. Bis zu diesem Zeitpunkt hat unser Junge folgendes gelernt:
- Frauen und Kinder gehören zusammen.
- Männer und Kinder gehören nicht zusammen.
- Jungen sind für Männer uninteressant.
- Will ein Junge etwas mit Männern zu tun, sehnt er sich nach Nähe und Kontakt, darf er nicht (wie) ein Kind sein.
Aber am Wochenende organisiert Papa die spektakulären Sonntagsausflüge, z.B. in den Heidepark oder den Zoo. Für unseren Jungen ist das ein großes Erlebnis. Papa fährt mit ihm in den Zoo, bezahlt alles und weiß alles über die Tiere. Ein toller Papa. So möchte er auch mal werden. Aber wie?
Einige Väter sind in den ersten 3-4 Jahren noch sehr liebevoll, zärtlich und akzeptierend zu ihren Söhnen. Aber mit dem Eintritt in den Kindergarten, spätestens aber mit dem Schulanfang, wenn also der ernst des Lebens beginnt, kommt der abrupte Bruch. Keine Zärtlichkeiten mehr, nicht weibisch sein. Körperkontakt zwischen Männern kennt der Junge nur sehr selten.
Es gibt jedoch zwei Ausnahmen: Beim Fußball, wenn ein Tor geschossen wurde. Und in der Kneipe, ab 2 Promille. Beim Sport dürfen Männer jubeln, sich umarmen und küssen, ja sogar weinen, wenn die eigene Mannschaft verliert. Ansonsten kommt Mann in den Ruf „schwul“ zu sein.
Auch Schwächen, Ängste und Gefühle zeigt ein erwachsener Mann nicht. Mann will ja kein Weichei sein. Jetzt ist es Zeit ein Mann zu werden. Nur wie weiß unser Junge nicht. Real gelebte Vorbilder haben Jungen in der Regel nicht. Ihre Väter sind nicht da oder zeigen sich nicht mit ihren Gefühlen und Schwächen. Die Jungen definieren „männlich“ als das bloße Gegenteil von „weiblich“. Sie wissen, wie Mama oder andere Frauen sind und da ist es nur logisch, dass das Gegenteil männlich ist.
Zeigt ein Junge weibliches Verhalten, so gilt er sehr schnell als weibisch oder sogar als schwul. Das schlimmste Schimpfwort für einen Jungen ist: „Du schwule Sau“. Es wird ihm nicht nur seine Sexualität aberkannt, sondern auch noch sein Geschlecht. Zusätzlich fördern wir die falsche Orientierung mit Leitsätzen wie:
- Ein Indianer kennt keinen Schmerz
- Ein Junge weint doch nicht
- Ein Junge hat keine Angst
- Ein Junge muss stark und hart sein.
Kommt ein Mädchen mit einem blauen Auge nach Hause lautet die erste Frage „Wer war das?“ oder „Tut es dolle weh?“ „Komm her ich tröste dich“
Wie lautet die erste Frage wenn ein Junge mit blauem Auge nach Hause kommt? „Stell dich nicht so an. Haste dich wenigstens gewehrt?“ Niemand kommt auf die Idee ihm Trost zu spenden und zu fragen wie es ihm geht. Ein Junge muss das verkraften.
Aber: ein Indianer kennt schmerzen
Ein Junge ist weich und weint
Ein Junge ist auch schwach hat Angst und ist hilflos.
Ist er deshalb unmännlich?
Im Alter von 13, 14 nimmt der Einfluß der Eltern immer mehr ab und die Gruppe der gleichaltrigen wird viel wichtiger. Jetzt werden auch Mädchen interessant und spannend. Sie sind aber gleichzeitig auch sehr fremd. Der Junge weiß nicht so recht wie er ihnen begegnen soll.
Die eigene Geschlechterrolle wird immer mehr zum Mittelpunkt des täglichen Lebens. Die Frage nach dem Mann-sein und Mann-werden wird immer wichtiger. In diesem Alter schwanken die Jungen immer zwischen den Polen Held und Hasenfuß hin und her.
Der Held, ist in der Phantasie der Inbegriff von Männlichkeit. Ein Junge muss dieses Männerbild immer zu 100 % erfüllen, denn Fehlschläge hat er bei erwachsenen Männern ja nie kennengelernt. Kein Vater kommt nach Hause und berichtet von den Mißerfolgen seinen Ängsten oder seiner Hilflosigkeit im Berufs- oder Privatleben.
Auf der anderen Seite erlebt er sich täglich im realen leben als Hasenfuß durch seine Schwächen, Grenzen und Ängste und seine anderen Gefühle.
Durch diese Gegensätze beginnt er an sich zu zweifeln und sein100% Anspruch verurteilt ihn von vornherein zum scheitern. Schon bei der kleinsten Abweichung fühlt er sich als „Komplett-Versager“. Dieses bewirkt Unsicherheit und er bekommt Angst. Und er beginnt sie um so deutlicher vor allen anderen zu verbergen.
Wenn mehrere Jungen aufeinander treffen beginnt das gegenseitige Kräftemessen, wer am männlichsten und mutigsten ist. Dabei entsteht für den einzelnen unwiederbringlich der Eindruck nur er selbst sei ein Versager. Dieses erhöht den Druck immer mehr und der Wunsch nach Vertuschung wächst. Nur kommt wieder die frage nach dem wie auf. Sie werden gewalttätig. Denn lieber gewalttätig als unmännlich.
Gewalt dient der Leugnung von Gefühlen der Unsicherheit und Angst, Vertuschung von Versagensängsten und der Schaffung und Erhaltung der eigenen Männlichkeit. Aber auch die Kontaktaufnahme mit anderen Jungen läuft über Gewalt. Denn durch buffen und rangeln können Jungen Körperkontakt aufnehmen ohne gleich als schwul zu gelten.
Jungen suchen Grenzen und fordern sie ein. Erhalten sie aber keine Reaktionen so gehen sie immer weiter bis zu körperlichen übergriffen für die sie dann endlich wahrgenommen bestraft werden. Gewalt gehört zum Jungen -sein und Mann-sein wie essen und trinken. Ein Junge der sich nicht prügelt ist kein richtiger Junge.
Aber dadurch sind Männer auch 8 mal so häufig wie Frauen Opfer von körperlicher Gewalt. Aber nur die Frauen dürfen dabei angst empfinden und diese auch zeigen. Wenn eine Frau nachts aus der Disko kommt und drei Glatzen begegnet geht sie zurück und bittet darum das ein bekannter sie nach Hause bringt. Ein Mann geht zurück und behauptet er hätte es sich überlegt und wolle noch bleiben.
Wird unser Junge ein Mann hört die Gewalt nicht auf sie ist nur nicht mehr öffentlich sondern verlagert sich mehr in den häuslichen Bereich. Gewalt ist nicht altersabhängig. Wir haben in der Beratung Jungen von 8 Jahren bis hin zu Männern von 80 Jahren. Auch hat Gewalt nichts mit dem sozialen Umfeld zu tun. Wir beraten arbeitslose Hilfsarbeiter genauso wie den Bankdirektor oder Arzt.
Nur eines haben alle Männer gemein. Sie sind in einem Gewaltkreislauf gefangen aus dem sie allein nicht aussteigen können.
Phase 1: die Gewalttat
Er spürt höchstens ein Gefühl der Erleichterung oder Befreiung. Eine Situation die er sonst ohnmächtig und angstvoll erleben würde ist er wieder aktiv geworden. Zugleich erfährt er einen Blackout. Einen vollkommenen Kontrollverlust. Er weiß nicht mehr was er tut und kann sich häufig nicht mehr erinnern.
Phase 2: das aufwachen
Plötzlich wird ihm seine tat bewußt. Er erschreckt sich vor sich selber. Es ist als ob er aus einem Rausch erwacht. Zum ersten mal nimmt er die am Boden liegende Frau war. Da er der einzige ist der anwesend ist, muss er auch der Täter sein.
Phase 3: Reue und Scham
Der Mann wünscht sich nichts mehr als das geschehen ungeschehen zu machen. Er fühlt sich schuldig und bittet das Opfer um Verzeihung. Er schwört das es sich niemals wiederholen wird, vielleicht unterstreicht er es mit einem Geschenk. Manchmal drängt er die Frau danach zum Beischlaf. Er will ihr ganz nah sein und damit alles wieder gut zu machen. Frauen hingegen erleben diese Situation jedoch häufig als Vergewaltigung die sie aus Angst über sich ergehen lassen.
Phase 4: Verantwortung abgeben
Bis jetzt ist ihm noch klar das er die Gewalt ausgeübt hat. Aber die Gewalt kam irgendwie über ihn. Es ist ihm unerklärlich wie er seine geliebte Frau schlagen konnte. Sucht nach Erklärungen und zwar beim verhalten seiner Frau. „Was hat sie gemacht um mich zu reizen.“ Er gibt die Verantwortung ab in dem er ihr die schuld gibt. Seine Gewalt wird zur „berechtigten Gegengewalt“.
Phase 5 : Schweigen
Kehrt der Alltag wieder ein wird der Vorfall einfach verschwiegen. Das Thema Gewalt ist für den man hiermit abgeschlossen es wird nicht mehr daran gerührt und gehofft das es sich nicht wiederholt.
Ist die Phase des Schweigens erreicht, garantieren wir die Wiederholung der Gewalt. Es braucht nur einen neuen Anlass geben.
Phase 6 Gefühle der Ohnmacht
Die Erinnerung an die Gewalt ist noch präsent. Die alten ungelösten Konflikte erzeigen bald wieder das Gefühl von Ohnmacht und Hilflosigkeit. Diese Ohnmacht wird wiederum mit Gewalt abgewehrt.
Es ist also nur ein frage der Zeit bis die Phase 1 wieder beginnt.
Diese Männer sind jedoch keine Monster. Sie leiden unter ihrer Gewalt, sie zerschlagen nicht nur das was sie lieben, ihre Frauen und Kinder, sondern auch sich selbst.
Unsere Arbeit ist eine parteiliche Arbeit für diese Männer.
Wir solidarisieren uns mit ihnen und ihren Gefühlen. Wir lassen sie erleben, dass sie nicht allein sind mit ihren schwächen und Ängsten und dass ihre Gefühle zu ihnen als Männer ebenso gehören wie ihre Arme und Beine. Wir entsolidarisieren uns von ihrer Tat und ihrer Gewalt.
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