aus: Ostschweizerinnen.ch
Meinung
Brigitte Hieronimus
14.11.2003
Doch will die wirklich jeder Mensch hören? Häusliche Gewalt scheint zuzunehmen. Oder gab es sie immer schon? Männer sind Täter und sollen bestraft werden. Frauen und Kinder sind Opfer und müssen geschützt werden. So einfach ist das. Nicht nur für Laien. Mit Tätern zu arbeiten, weckt zunächst Abwehr.
Liegt Gewaltausübung in den männlichen Genen? Softis, Schwule, Weicheier und Frauenversteher erwecken bei vielen Männern Abscheu.
Trennung zwischen Aggression und Gewalt: Für die Arbeit mit Gewalttätern ist eine Unterscheidung zwingend notwendig.
Wenn Männer außer sich vor Zorn sind, können sie in der Tat nichts fühlen. Was sie nämlich fühlen müssten, wären Empfindungen wie Unmut und Ärger, bevor es zur Wut und Zorn kommt.
Wut ist das am meisten negierte Gefühl in unserer Gesellschaft. Gewalt entsteht aber nicht über Nacht. Sie baut sich auf. Das fängt schon bei kleinen Jungen an.
Kinder fordern Präsenz von ihm. Jungen brauchen ihn zur Orientierung, schauen genau, wie er sich Mutter gegenüber verhält.
Gewaltberater konfrontieren den Täter gezielt mit seiner Gewalt. Sie achten den Mann als Mensch, aber sie ächten massiv sein Tun.
Viele Wege führen zum Mann
Die Beratungsstellen „Männer gegen Männer – Gewalt“ zeigen Wege aus der gewalttätigen Spirale. Inzwischen schießen diese Beratungsstellen in Deutschland, der Schweiz und in Österreich, wie Pilze aus dem Boden. Der Bedarf scheint groß zu sein, inzwischen gibt es 22 davon. Gab es bislang Frauenberatungsstellen (die in finanziell mageren Zeiten, gerne Opfer von Kürzungen werden) die sich um Frauen und Kinder kümmern, kommt nun ein neues Angebot hinzu, das sich mit den Tätern beschäftigt. Diese Beratungsstellen werden bis auf Hamburg und Salzburg, finanziell nicht unterstützt. Einzige Finanzierung ist z.Zt. ein EU – Projekt zur Evaluation einer Täterhotline. Jeder Mann, der eine Beratung in Anspruch nimmt, muss sie selbst bezahlen. Kann aber einem gewaltbereiten Mann die Gewalt genommen werden? Ist das nicht so, wie dem Teufel den Belzebub austreiben?
Wann ist der Mann ein Mann?
Wenn er seine Aggressionen im Griff hat, oder sie offen zeigt? Wenn er kommunikativ plaudert, oder eisern schweigt? Ist Aggression auch schon Gewalt? Da ist ein Mann, der brüllt seine Kinder an, weil sie bei Rot über die Ampel laufen. Ein anderer kommt von seiner Arbeit nach Hause, die er zum letzten Mal verrichtet hat, weiß, dass sich seine Frau trennen will, sieht den Kinderroller und das Velo in der Einfahrt liegen und schlägt zu. Liegt Gewaltausübung in den männlichen Genen? Softis, Schwule, Weicheier und Frauenversteher erwecken bei vielen Männern Abscheu. Abwertende Äußerungen sind besonders laut von denen zu hören, die sich insgeheim fürchten, nicht Mann genug zu sein.
Trennung zwischen Aggression und Gewalt
Meist werden diese Begriffe in einem Atemzug genannt und zu einem Einheitsbrei vermischt, meint Gewaltberater Jürgen Krabbe aus Nordhorn, (Kinder – und Jugendlichen Psychotherapeut). Für die Arbeit mit Gewalttätern sei aber eine Unterscheidung zwingend notwendig, da die meisten von ihnen aggressionsgehemmt sind. Wie bitte? Ein Mann, der schlägt, ist aggressionsgehemmt? Der Grund sei, dass Gefühle wie Angst und Ohnmacht nicht zu einem „richtigen“ Mann passen und deshalb weg gesteckt werden müssen.
Ohne Macht zu sein macht Angst
Das Schlimmste was einem Mann passieren kann, ist das Gefühl, seine eigene Ohnmacht zu erleben und einer Hilflosigkeit in Situationen ausgeliefert zu sein, die er nicht oder nicht mehr beherrscht. Die Familie und unangenehme Gefühle nicht im Griff zu haben, gilt als unmännlich. Wenn Männer außer sich vor Zorn sind, können sie in der Tat nichts fühlen. Was sie nämlich fühlen müssten, wären Empfindungen wie Unmut und Ärger, bevor es zur Wut und Zorn kommt.
Wut ist ein Wegweiser.
Meist liegen Verletzungen und Kränkungen vor, wenn ein Mensch in Wut gerät. Unter der Wut liegt meist Trauer und Enttäuschung, die nicht so schnell gefühlt werden kann. Männer geraten schneller in Wut. Aber darf sie überhaupt gezeigt werden? Schon kleinen Kindern sagt man, sie sollen nicht wütend sein. Frauen haben das schon im Sandkasten gelernt, schlucken sie deshalb herunter und schweigen. Wut ist das am meisten negierte Gefühl in unserer Gesellschaft. Gewalt entsteht aber nicht über Nacht. Sie baut sich auf. Das fängt schon bei kleinen Jungen an. Sie ballern mit einem Plastikgewehr rum, nieten den Gegner mit einer selbstgebauten Legopistole um. Das sieht aus wie ein Spiel, in dem sie ernsthaft lernen, mit ihren eigenen Gefühlen der Angst und Unterlegenheit umzugehen. Zu Hause sorgt sich Mutter um diesen kleinen Banditen und nimmt ihm das Gewehr ab, versteckt es vielleicht und redet ihm ins Gewissen: Du willst doch wohl kein böser Junge sein?
Schlagen Männer in Gedanken zu?
Wird aber jeder Junge später handgreiflich, weil er Räuber und Gendarm spielte? Was passiert, wenn er es wird? Männer können scheinbar nicht mit Partnerinnen umgehen, die ständig nörgeln, zetern, lamentieren und jammern oder ewig Vorwürfe machen. Das nervt und erinnert irgendwie an Mutter. Diesen (verdeckten) weiblichen Aggressionsmustern haben sie nichts entgegen zu setzen und fühlen sich dem Gezeter, wie sie es nennen, ausgeliefert und unterlegen. Manche können nicht ertragen, wenn frau ihnen über den Kopf wächst.
Welche Rolle spielt Vater?
Kinder fordern Präsenz von ihm. Jungen brauchen ihn zur Orientierung, schauen genau, wie er sich Mutter gegenüber verhält. Sie registrieren früh, wer der Starke und wer der Schwache zu Hause ist. Väter stehen in der Verantwortung. Hat er mittags am Telefon versprochen, am Abend mit seinen Söhnen Fußball zu spielen, so sind sie enttäuscht, wenn er sich hinter der Zeitung verschanzt. So toben sie lautstark durchs Haus. Eine teure Vase geht zu Bruch. Was tut Vater? Steht er auf und lässt die Bande gehörig durch? Oder entschuldigt er sich für die Nichteinhaltung seines Versprechens, fegt mit den Kindern die Scherben zusammen und holt den Ball?
Opfer und Täter
Überraschend häufig stellt sich der Täter später als Opfer der Umstände dar. Zu viel Stress, zu viele Überstunden, zu viel Kindergeschrei am Morgen und zu viel Bier am Abend. Gewaltberater konfrontieren den Täter gezielt mit seiner Gewalt. Sie achten den Mann als Mensch, aber sie ächten massiv sein Tun. Der Täter wird nicht aus seiner Verantwortung entlassen, sondern muss sich aktiv damit auseinander setzen. Das unterscheidet Gewaltberatung von einer herkömmlichen Psychotherapie. Die schlimme Kindheit, die gab es bestimmt auch für Männer, trotzdem schlägt nicht jeder Mann, der darunter litt, Frau und Kind zu Boden. Es gibt keine Entschuldigung für seine Tat. Nicht alle Richter und Gutachter sehen das ebenso so.
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