Menschen helfen Menschen: Wenn Frauen unter Gewalt leiden. Der 45 Jahre alte Pädagoge ist einer von zehn Schleswig-Holsteinern, die als Gewaltberater für Männer tätig sind.
Von Jörg Malitzki
Kreis Segeberg -
Die Opfer haben im Mittelpunkt gestanden. Anläßlich des internationalen Tages gegen Gewalt an Frauen hat sich das Bündnis gegen häusliche Gewalt im Kreis Segeberg in den vergangenen Wochen verstärkt dafür eingesetzt, Frauen und Kindern zu helfen, die geschlagen und mißhandelt werden. Doch auch die Gleichstellungsbeauftragten aus dem Kreis Segeberg, die Mitarbeiter der örtlichen Beratungsstellen, von Polizei und Notrufen, Frauenhäusern und Kinderschutzzentren haben gemerkt: Wer den Opfern wirklich helfen will, muß sich auch mit den Tätern beschäftigen. Deshalb hat sich das Bündnis jetzt Rat und Unterstützung von Thomas Hölscher geholt.
Der Mann aus Bordesholm ist einer von knapp zehn Schleswig-Holsteinern, die als Gewaltberater für Männer tätig sind. Außerdem arbeitet der 45 Jahre alte Pädagoge ehrenamtlich bei einer Täterhotline mit. Unter der Rufnummer 09001/43 92 58 (mit Blick auf die Buchstaben auf der Telefontastatur besser zu merken als 09001/GEWALT) bieten Hölscher und seine Mitstreiter gewalttätigen Männern eine Möglichkeit, den Kreislauf der Gewalt, in den sie sich begeben haben, zu durchbrechen und zu lernen, ihre Konflikte friedlich zu lösen. Auf diesem Wege – so die Hoffnung des Segeberger Anti-Gewalt-Bündnisses – könnten auch Männer aus dieser Region die Notbremse ziehen.
Die meisten Anrufer befinden sich in Krisensituationen
Klar ist, daß Hölscher in einem einzigen Telefonat nicht dafür sorgen kann, daß ein Mann nicht mehr gewalttätig wird. Aber es ist ein erster Schritt auf dem Weg dahin, zumal sich die meisten Anrufer nur in akuten Krisensituationen melden, also kurz nachdem sie gerade ihre Frau oder ihr Kind geschlagen haben, die Tat bereits bereuen und nun schnelle Hilfe suchen. Hölscher legt Wert darauf, daß sich ein Anrufer bei ihm ernstgenommen fühlen kann: “Es gibt keine wandelnden Monster, die ununterbrochen gewalttätig sind. Jeder Mann hat auch seine Stärken und Qualitäten.” Zudem seien Männer aus sämtlichen Alters- und Gesellschaftsschichten betroffen. Fast alle Täter leben in einer festen Beziehung.
Für viele Frauen erstaunlich: Wer Männern die Gelegenheit geben möchte, ihre Schwierigkeiten in den Griff zu bekommen, muß dabei völlig anders vorgehen als bei ihnen selbst. “Kaum ein Anrufer redet lange um den heißen Brei herum. Die meisten kommen schnell auf den Punkt”, berichtet Hölscher. Sein längstes Telefonat bei der Gewalt-Hotline hat gerade mal sieben Minuten gedauert. In dieser Zeit fragt er Daten wie Alter, Wohnort, Telefonnummer oder E-Mail-Adresse ab, damit sich ein Gewaltberater vor Ort für ein persönliches Gespräch mit dem Mann in Verbindung setzen kann, sofern dieser das wünscht.
Die eigentliche Arbeit beginnt dann freilich erst. Patentrezepte helfen hier nicht weiter. Nur einen Gedanken hat Hölscher dabei stets im Hinterkopf, und auch in dieser Hinsicht unterscheidet sich die Beratung von Männern ganz wesentlich von der Hilfe suchender Frauen: “Wenn ich möchte, daß er nicht wiederkommt, dann müßte ich bloß sagen: “Denken Sie mal über Ihre Gefühle nach!” Männer und die Fähigkeit, ihre Bedürfnisse zu äußern – da prallen zwei Welten aufeinander . . .”
erschienen am 30. November 2005
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