Wie funktioniert die genderorientierte Krisen-, Konflikt und Gewaltberatung in der Psychiatrie?

Jürgen Krabbe vom Forum Intervention arbeitet seit dem Sommer 2007 in den Kantonalen Psychiatrische Diensten in Wil / CH , Hier ein Bericht von den Mitarbeitern…

Die Teams der beiden Suchtstationen A08 /3 und A08 /4 entschieden vor einiger Zeit, sich mit dem Thema Aggression und Gewalt im Stationsalltag vertiefter auseinanderzusetzen und gemeinsam Strategien zu entwickeln. Zu diesem Zweck suchten sie ein entsprechendes externes Fortbildungsangebot und konnten dafür Jürgen Krabbe vom «Forum Intervention» (D) engagieren. Seit Sommer 2007 fanden nun bereits mehrere Seminarien statt, um das breite Spektrum des Themas zu bearbeiten (eigene Einstellung zu Gewalt, Entstehungsmodelle, Erscheinungsformen, Deeskalation bzw. Strategien bei aggressivem Verhalten). Die positiven Erfahrungen und die erfolgreiche Umsetzung dieser kontinuierlichen Schulung nehmen wir von der KLIFO-Redaktion zum Anlass, in Form eines Interviews darüber zu berichten. Rita Arnold (Stationsleiterin A08 /4) und Ivana Baumgartner (Stv. Stationsleitung A08 /3) erklärten sich bereit, vier Fragen zu beantworten. Der folgende Text ist eine Zusammenfassung der wichtigsten Aussagen.

Was gab den Ausschlag, diese Schulung für eure Teams zu organisieren?

Allgemein kann gesagt werden, dass während des Entzugs Grundstörungen im Umgang mit der Impulskontrolle wieder vermehrt hervortreten. Der Schutz,den die Medikamente den Patienten geben, entfällt. Daraus können Konfliktsituationen resultieren, sowohl unter den Patientinnen und Patienten als auch zwischen Patienten und Personal. Spitzt sich ein solches Ereignis zu und droht zu eskalieren, wird das Personal stark gefordert oder kommt gar an seine Grenzen. So reifte das Bedürfnis, entsprechendes Wissen und Können zu erweitern und zu vertiefen, um diesen Situationen adäquat zu begegnen und wenn möglich Deeskalationsstrategien zur Verfügung zu haben.

Diese Seminarien wurden von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern als sehr positiv und lehrreich beurteilt. Wel che Aspekte machten sie denn so attraktiv und erfolgreich? Es waren mehrere Faktoren, die dazu beitrugen: das Setting, die Methoden vielfalt und die Person des Dozenten. Die Seminarien waren so aufgebaut, dass genügend Zeit für die Auseinandersetzung und Bearbeitung der jeweiligen Themen eingeplant war. Die Themen ihrerseits bezogen sich auf die wesentlichen Einflussfaktoren von Konflikten, speziell auch im Kontext von Entzugssituationen. Entsprechend wurden nebst der persönlichen Haltung, Sichtweisen und Reaktionsmuster auch die Dynamik in den verschiedenen Rollen (Opfer / Täter, Frau / Mann) erörtert, diskutiert und in Rollenspielen ausprobiert und geübt. Die Kombination der verschiedenen Methoden machte die Schulung  abwechslungsreich und förderte den Lernerfolg. Schliesslich verfügt der Dozent über einen breiten Wissens- und Erfahrungsschatz, den er verständlich und nachvollziehbar weitergeben konnte. Er wirkte in seinen Äusserungen sehr authentisch und vermochte mit vielen konkreten Beispielen immer wieder den Bezug zum praktischen Alltag herzustellen.

Welche Auswirkungen hat die Schulung auf den konkreten Arbeitsalltag?

Durch die kontinuierlichen und gemeinsamen Schulungen wurde das Thema schrittweise in das Bewusstsein des Teams integriert und damit im Stationsalltag wirksam. Es entstand ein einheitlicheres und klares Auftreten in den Begegnungen mit den Patientinnen und Patienten. Verschiedene Faktoren sind dafür massgebend. Wir entwickelten eine gemeinsame Sprache, die in Rapporten, bei Vorbereitungen von Gesprächsgruppen oder der Nachbereitung von schwierigen Situationen hilfreich ist. Auf kommunikativer Ebene mit den Patienten lernten wir sicherer und selbstbewusst aufzutreten, indem wir verbal und nonverbal klar und eindeutig kommunizieren und auch «Stopp!» sagen können. Wichtig dabei ist, den Patientinnen und Patienten die Verantwortung für ihr Handeln nicht abzunehmen und mit ihnen darüber in der Auseinandersetzung zu bleiben. Im Weiteren lernten wir unser Sensorium für die eigene Befindlichkeit und die Stimmung in der Gruppe oder im Dialog zu schärfen, um gegebenenfalls frühzeitig intervenieren zu können. Insgesamt erhielten wir ein Instrumentarium und entwickelten Strategien, uns deeskalierend zu verhalten und/oder rechtzeitig Hilfe zu organisieren. Zusammenfassend entstand durch die Schu lung ein gemeinsames Verständnis, ein Selbstverständnis, «am gleichen Strick zu ziehen» und dadurch auch ein gestärktes Vertrauensverhältnis untereinander.

Ein zusätzliches Ergebnis dieser Schulung war und ist, dass wir dieses Thema in die Infogruppe (Gesprächsgruppen mit Patienten) einfliessen lassen, mit den Patientinnen und Patienten ihre Sichtweise und Zusammenhänge diskutieren – was auf reges Interesse stösst. Wie wird diesem Thema auch künftig die entsprechende Beachtung geschenkt?

Zu Beginn dieser Seminarien standen die Schulung und theoretischen Inputs im Vordergrund, während bei den letzten Zusammenkünften vermehrt in Form von situationsbezogener Praxisberatung gearbeitet wurde. In diesem Sinne besteht der Wunsch, sich weiter mit diesem Thema zu beschäftigen. Die Methoden und Zeitintervalle sind allerdings noch offen und werden fortlaufend festgelegt.

Herzlichen Dank für das Interview. Während des Entzugs gerät die Impulskontrolle vermehrt ausser Funktion. Daraus können Konfliktsituationen resultieren. Deeskalationsstrategien und -techniken sind gefragt. Jürgen Krabbe ist ausgebildeter Sozialarbeiter, Familientherapeut und Gewaltberater/-pädagoge. Näheres vgl. http://xn--jrgenkrabbe-thb.de/.

Hier gibt es das Interview als PDF: KLIFO_02_10

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